Tarbosaurus
Tarbosaurus: Der T. rex des Ostens und Herrscher Asiens
Wenn wir an das ultimative, alles beherrschende Raubtier der Kreidezeit denken, fällt fast jedem Menschen auf der Welt sofort und automatisch der legendäre Tyrannosaurus rex aus Nordamerika ein. Aber auf der anderen Seite der Welt, im heutigen Asien (genauer gesagt in der Mongolei und China), herrschte zur gleichen Zeit ein fast identischer Zwilling, der genauso furchterregend war: Tarbosaurus bataar.
Sein wissenschaftlicher Name bedeutet wörtlich “Erschreckende Echse” oder “Alarmierende Echse” (Tarbo = Schrecken/Alarm, Saurus = Echse), und er machte seinem Namen alle Ehre. Er war der unangefochtene, absolute König der Wüste Gobi und der Schrecken jedes Lebewesens, das seinen Weg kreuzte.
Ein asiatischer Tyrann: Bruder oder Cousin?
Tarbosaurus war dem nordamerikanischen T. rex anatomisch so unglaublich ähnlich, dass manche Wissenschaftler (wie der berühmte sowjetische Paläontologe Evgeny Maleev, der ihn 1955 beschrieb) ihn früher sogar als eine asiatische Art von Tyrannosaurus (Tyrannosaurus bataar) klassifizierten. Heute gilt er jedoch meist als eigene, eigenständige Gattung, aber als der engste bekannte Verwandte (Schwestertaxon) von T. rex. Sie sind wie Brüder, die auf verschiedenen Kontinenten aufwuchsen.
- Größe: Er war etwas kleiner, schlanker und weniger massiv gebaut als sein amerikanischer Cousin. Er wurde etwa 10 bis 12 Meter lang und wog geschätzte 4 bis 5 Tonnen (während T. rex bis zu 13 Meter lang und 8-9 Tonnen schwer wurde). Trotzdem war er riesig.
- Schädel: Sein Schädel war schmaler, länger und nicht ganz so breit und massiv (“box-like”) gebaut wie der breite “Boxer-Schädel” von T. rex. Er hatte auch mehr Zähne im Oberkiefer (bis zu 64 Stück insgesamt), die etwas kleiner waren. Sein Biss war wahrscheinlich mehr auf Schneiden und Reißen ausgelegt, weniger auf das Zertrümmern von massiven Knochen (“Bone-Crushing”).
- Arme: Das vielleicht verblüffendste Merkmal: Seine Arme waren im Verhältnis zum Körper noch kleiner und kümmerlicher als die von T. rex! Sie waren winzig, fast vestigiär (zurückgebildet), hatten aber immer noch zwei kleine Finger mit Krallen. Ihre Funktion ist völlig unbekannt und wahrscheinlich fast null.
Der Herrscher der Wüste Gobi: Ein Ökosystem der Giganten
Tarbosaurus lebte in der berühmten Nemegt-Formation, einer damals feuchten, flussreichen Landschaft mit Wäldern und Sümpfen in der heutigen Wüste Gobi (Mongolei). Es war ein Paradies für Dinosaurier.
- Beute: Er jagte riesige Pflanzenfresser, die in Herden lebten. Seine Hauptbeute waren wahrscheinlich große Hadrosaurier (Entenschnabeldinosaurier) wie der häufige Saurolophus und riesige, schwer gepanzerte Sauropoden (Langhalsdinosaurier) wie Nemegtosaurus oder Opisthocoelicaudia. Bissspuren an Knochen dieser Tiere passen perfekt zu den Zähnen von Tarbosaurus.
- Konkurrenz: In seinem Reich gab es absolut keine anderen großen Fleischfresser, die ihm das Wasser reichen konnten. Er war der absolute Spitzenprädator (Apex-Predator). Einzig der bizarre, riesige Therizinosaurus (mit seinen meterlangen Sensenklauen) oder der gigantische Deinocheirus (ein entenartiger Ornithomimide mit riesigen Armen) waren groß und wehrhaft genug, um sich vielleicht erfolgreich gegen einen ausgewachsenen Tarbosaurus zu verteidigen. Alle anderen flohen.
- Jagdstrategie: Aufgrund seines etwas leichteren, schlankeren Baus und der weniger massiven Beine war er vielleicht ein etwas aktiverer, schnellerer Jäger als T. rex. Er verfolgte seine Beute wahrscheinlich über längere Strecken in den Flussauen.
Ein Leben voller Gewalt und Kampf
Fossilien erzählen oft Geschichten von harten Kämpfen und einem brutalen Leben.
- Verletzungen: Viele gefundene Tarbosaurus-Skelette zeigen schwere, aber verheilte Verletzungen (Pathologien): gebrochene Rippen, verheilte Knochenbrüche an den Beinen, Bissspuren von Artgenossen im Gesicht (Rangkämpfe um Partner oder Territorium) und Knocheninfektionen. Das Leben an der Spitze der Nahrungskette war extrem gefährlich und kurz.
- Der “Junge”: Wir haben auch spektakuläre Fossilien von sehr jungen, fast vollständigen Tarbosaurus gefunden (z.B. ein Skelett eines 2-3 Jahre alten Tieres, bekannt als “MPC-D 107/7”). Sie zeigen, dass Jungtiere anatomisch ganz anders aussahen als die Erwachsenen: Sie waren extrem schlank, langbeinig, hatten einen flachen, langen Schädel (ähnlich Alioramus) und viele Zähne. Sie jagten wahrscheinlich völlig andere, kleine und schnelle Beute wie Gallimimus oder Prenocephale (Nischentrennung), um den Erwachsenen nicht die Nahrung streitig zu machen (“ontogenetischer Nischenwechsel”).
Der Fall des “Schmuggel-Dinosauriers”: Ein Krimi
Tarbosaurus geriet im Jahr 2012 weltweit in die Schlagzeilen, als ein fast vollständiges, wunderschönes Skelett (“Tarbosaurus Bataar”) in New York bei einer Auktion für über 1 Million US-Dollar versteigert wurde.
- Der Skandal: Es stellte sich heraus, dass das Fossil Jahre zuvor illegal von Wilderern in der Wüste Gobi ausgegraben und aus der Mongolei geschmuggelt worden war. Der Käufer (der Schauspieler Nicolas Cage hatte ebenfalls Interesse gezeigt und ein anderes Exemplar gekauft, das er später zurückgab) musste es den Behörden übergeben.
- Die Rückkehr: Nach einem langen Rechtsstreit wurde das Skelett in einer feierlichen Zeremonie an den mongolischen Staat zurückgegeben. Es ist heute ein stolzes Nationalheiligtum und das Herzstück des neuen Zentralmuseums der mongolischen Dinosaurier in Ulaanbaatar. Dieser Fall hat das Bewusstsein für den illegalen Fossilienhandel weltweit geschärft.
Interessante Fakten
- Gehirn: Sein Gehirn war typisch für Tyrannosaurier sehr groß, mit riesigen Riechkolben (Olfactory Bulbs). Er hatte einen phänomenalen Geruchssinn und konnte Beute (oder Aas) wahrscheinlich über kilometerweite Entfernungen gegen den Wind riechen.
- Augen: Seine Augen waren nicht ganz so stark nach vorne gerichtet wie die von T. rex (etwas weniger binokulares, dreidimensionales Sehen), was darauf hindeutet, dass er sich bei der Jagd vielleicht mehr auf seinen Geruch und sein Gehör verließ als auf seine Augen.
- Haut: Wir haben bisher keine direkten Hautabdrücke von Tarbosaurus.
Häufig gestellte Fragen
F: War er stärker als T. rex? A: Nein, wahrscheinlich nicht. T. rex war massiver, schwerer und hatte einen deutlich stärkeren Biss (der stärkste aller bekannten Landtiere), der Knochen pulverisieren konnte. Tarbosaurus hatte einen etwas schwächeren, aber präziseren Biss. In einem direkten Kampf hätte T. rex wohl gewonnen.
F: Hatte er Federn? A: Wir wissen es nicht sicher. Da viele frühe, primitive Tyrannosaurier (wie Yutyrannus oder Dilong) nachweislich ein Federkleid trugen, ist es sehr gut möglich, dass zumindest Jungtiere einen flauschigen Flaum zur Wärmeisolierung hatten. Erwachsene Tiere in dem warmen Klima der Kreidezeit waren aber wahrscheinlich eher schuppig oder nur spärlich befiedert (wie Elefanten behaart sind), um bei der Jagd nicht zu überhitzen.
Tarbosaurus ist der vergessene König. Während alle Welt auf T. rex schaut, herrschte er über einen ganzen Kontinent und war genauso furchterregend, tödlich und faszinierend – der wahre Drache des Ostens.
Häufig gestellte Fragen
Wann lebte Tarbosaurus?
Tarbosaurus lebte während der Späte Kreidezeit (vor 70-66 Millionen Jahren).
Was fraß Tarbosaurus?
Es war ein Fleischfresser.
Wie groß war Tarbosaurus?
Es erreichte eine Länge von 10-12 Meter und wog 5.000 kg.